Der Klassendünkel als Ursache des Populismus.

Ein Plädoyer für mehr Miteinander.

Man ist geneigt, in der Historie zu kramen und die Statistik von 1932 zu bemühen. Damals konnte ein Populist 33,1% der Stimmen der deutschen Bevölkerung auf sich vereinen. In dem überforderten System einer jungen Demokratie mit unzähligen Parteien und Gesinnungen war dies ein gewaltiger Wert. Aber, möchte man mit erhobenem Zeigefinger in Richtung der USA anmerken, damals waren die Zeiten andere. Die Folgen der Wirtschaftskrise im Jahr 1929 trafen Deutschland besonders hart, da es bereits unter den horrenden Reparationszahlungen durch den ersten Weltkrieg ächzte. Im Wahljahr 1932 waren sage und schreibe 44% der erwerbsfähigen Bevölkerung arbeitslos. In Worten: vierundvierzig Prozent! Diese Ausrede, möchte man meinen, haben die USA mit einer Arbeitslosenquote von 5% nicht.

Mit viel Zorn und wenig Inhalt gewinnt der populistische Kandidat Donald Trump am 9.11.2016 die Präsidentschaftswahl in den USA.
Mit viel Zorn und wenig Inhalt gewinnt der populistische Kandidat Donald Trump am 9.11.2016 die Präsidentschaftswahl in den USA.

Aber sparen wir uns den Zeigefinger. Überlegen wir lieber, wie es sein kann, dass Populisten wieder die Weltpolitik bestimmen. Es wird viel darüber diskutiert, warum die untere Klasse sich wieder den Demagogen zuwendet. Sollten wir dabei nicht auch diskutieren, warum es wieder eine untere Klasse gibt? Nur so ein Gedanke.

Wie steht es um Deutschland?

In Deutschland ist die wichtigste Klasse nicht die erste, sondern die vierte. Hier wird die Zukunft gewiesen, indem man entweder fürs Gymnasium, für die Realschule oder die Hauptschule empfohlen wird. Ich zog glücklicherweise ein Ticket fürs Gymnasium. Die Klassenkameraden aus der Grundschule, die den Schnitt nicht geschafft haben, habe ich seither nie wiedergesehen. Und heute frage ich mich, wer zum Teufel eigentlich diese Populisten wählt, denn in meinem Bekanntenkreis fällt mir kein einziger ein? Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Doch vorbei sind die Zeiten der sozialen Durchmischung, als der Jurist die Einzelhandelskauffrau heiratete. Heute bleiben die Bildungsniveaus meist unter sich. Möglicherweise hat das damit zu tun, dass es auch unter Akademikern nicht mehr genügt, wenn nur ein Ehepartner arbeiten geht. Denn vorbei sind auch die Zeiten, in denen jeder Handwerker genug Geld für ein Eigenheim nach Hause brachte. In meiner Stadt München genügt da nicht mal ein Ingenieursgehalt von BMW. Vielleicht sucht man sich auch deshalb einen Partner mit denselben Verdienstaussichten.

Mit Menschen ohne Hochschulreife habe ich heute also praktisch keinen Kontakt und umgekehrt kann es kaum anders sein. Meine Eindrücke über „die da“ erhalte ich, wenn ich RTL II einschalte. Das nennt sich dann Unterhaltung und erinnert ein wenig an das Mittelalter, als die gebildeten Herrscher ihr Volk über die Burgmauern betrachteten. Das Bildungsbürgertum und die anderen.

Und wer sind diese anderen? Jene seltsame Gruppe von Menschen, die die AfD wählt? Jene Bürger, die sich verarscht fühlen, wenn Politiker und Fernsehmenschen mehr Toleranz gegenüber Zuwanderern fordern? Könnte es nicht sein, dass „die da“ „uns da“ ebenfalls nur mehr durch die Medien kennen? Welche Sendung wäre das? Vermutlich die, in denen die Protagonisten Anzüge tragen und hochgestochen daherreden. Die Nachrichten? Nur so ein Gedanke.

Ich provoziere natürlich, glaube aber, darüber sollte man nachdenken. Es hilft nicht gerade dem Dialog zwischen den Klassen, wenn Ralf Kabelka als Clown verkleidet auf eine Pegida-Demo geht (weil das ja offenbar eine Witzveranstaltung ist, höhö), und das Bildungsbürgertum im Publikum der „heute-Show“ herzlich über den Arbeiterpöbel lacht.

Und in den USA?

Das gilt im Übrigen für die USA genauso, nur dass dort die Trennung noch größer ist: Die Medien und das Bildungsbürgertum an den liberalen Küsten amüsieren sich im Fernsehen (was bei uns die „heute-Show“ mit Oli Welke ist, ist dort „Last Week Tonight“ mit John Oliver) über die rückständigen, konservativen Menschen im Zentrum des Landes. Die Trennung in den USA ist räumlich, und die Wahl wurde im sogenannten Fly-over-Country im Landesinneren entschieden, denn dort leben schlichtweg mehr Menschen. Das haben die Umfragen der Instsitute an den Küsten irgendwie nicht kommen sehen. Ups.

Dass Donald Trump in Amerikas Hinterland auf dieselbe Art Stimmen fischte wie hierzulande die AfD, wurde übrigens im Wahlkampfendspurt besonders deutlich, als seine Anhänger Pegidas Lieblings-NS-Wort „Lugenpresse“ adaptierten. (Hier geht’s zum entsprechenden Artikel der Huffington Post.)

Der Journalist als Feindbild

Hüben wie drüben sind Journalisten offenkundig die größten Feindbilder der Populistenfans. Und Journalisten kratzen sich verwundert am Kopf und fragen sich, weshalb eigentlich. Weil das natürlich Quatsch ist, zu glauben, dass man mit der Beendigung der Journalistenschule einen Eid auf jene ominöse Verschwörung ablegt, die von Merkel gut redet und von Trump nur schlecht.

Nein, Journalisten sind das greifbarste Aushängeschild der gebildeten Klasse, und jeder Journalist möchte sich profilieren, indem er Fremdworte verwendet wie „Demagoge“. (Ich musste selbst erst mal nachschlagen, was das bedeutet, und habe den Begriff dennoch verwendet. Ich bin also auch nicht besser. Hier geht’s zur Definition auf Wikipedia.)

Die Journalisten diskutieren dann mit den Politikern über die Integration der Flüchtlinge und ignorieren dabei, dass sich ein großer Teil unserer eigenen Gesellschaft längst selbst abgehängt fühlt. Dabei vergessen beide, Journalisten und Politiker, dass sie auf derselben Seite stehen, nämlich auf der elitären Seite des Bildungsbürgertums. Jenes erwähnte Burgvolk hinter den schützenden Mauern. (Eine sehr gute Analyse über die Irrungen der Journalisten im US-Wahlkampf findet sich auf bazonline.ch.) Ein Appell an die Toleranz für Flüchtlinge muss daher wie Hohn wirken, wenn man sie an eine Gruppe richtet, die sich selbst nicht toleriert fühlt.

Die Angst vor der Digitalisierung

Das umfasst nicht nur die Gruppe der Arbeitslosen, auch viele Berufsstände leben in Angst vor der Zukunft. Zugführer, Busfahrer und Trucker fragen sich, ob ihr Gefährt nicht in zehn Jahren ohne sie auskommt. Briefträger sehen schon Drohnen über sie hinwegflitzen, die ihre Arbeit viel schneller erledigen. Prototypen von Putzrobotern erfassen Keime in Krankenhauszimmern, die der menschliche Sauberservice übersieht. Der Umsatz von Blumenläden ist genauso rückläufig wie der von Bettengeschäften, seitdem man beides Online beziehen kann.

Und der akademische Teil der Bevölkerung diskutiert begeistert, welche Branche man als nächstes digitalisieren könnte, um mit wenigen Arbeitskräften viel Gewinn zu machen. Oder er findet wenigsten einen Arbeitsplatz in einem Unternehmen, das zu dieser Entwicklung beiträgt. Der technologische Fortschritt macht unser Leben einfacher, effizienter und sicherer. Der Teil der Bevölkerung, die bei der Erstellung dieses Fortschritts nicht mithelfen kann, fühlt sich jedoch abgehängt. Vielleicht ja die Hälfte, die in der vierten Klasse den Schnitt nicht geschafft hat? Nur so ein Gedanke.


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Aber warum gerade jetzt?

Die Zeiten des Wirtschaftswunders, die Zeit des Eigenheims für jedermann, sind schließlich schon lang vorbei. Doch die Situation verschärft sich. Zu der altbekannten Sorge vor Arbeitslosigkeit aufgrund der Globalisierung sorgt nun auch die rasende Digitalisierung für zunehmende Unsicherheit. Und nun kommen Millionen Flüchtling, die die Sorge um die Zukunft noch verschärfen. Wen soll man denn wählen als einfacher Arbeiter, der sich um seine Zukunft sorgt?

Natürlich kann auch die AfD die Zeit nicht zurückdrehen, und wenn ein Populist die Chance hat, es zu versuchen, schießt er meist übers Ziel hinaus (man bedenke nur, wie isoliert Großbritannien derzeit dasteht). Aber die SPD ist seit Hartz IV eben keine Partei der Arbeiter mehr. Und unser gesamtes System hat sich leider in der Retrospektive mit der Großen Koalition keinen Gefallen getan, denn da erhält man schnell den Eindruck, dass Merkel, Seehofer und Gabriel hinter geschlossenen Türen ihre Interessen ausmauscheln. Jüngstes Beispiel: Die Ernennung eines Kandidaten für das Präsidentenamt.

Es ist also naheliegend, dass sich der Frust über die eigene Situation in Zorn gegen die obere Klasse wandelt. Der Klassenkampf, den wir mit dem Wirtschaftswunder nach dem zweiten Weltkrieg überwunden glaubten, ist längst wieder Realität. Nur heute haben „die da“ eine Waffe dagegen: Die Demokratie. Denn sie sind in der Mehrheit. Ist es da nicht nur folgerichtig, dass die AfD im kommenden Wahljahr mit 15% in den Bundestag einziehen wird? Ich finde den Wert ehrlich gesagt noch erfreulich gering.

Was können wir tun, um diesen Trend zu stoppen?

Mehr Miteinander! Das ist der einzige Weg.

Gemeinschaftsschulen wären ein Anfang. Dann könnten die Überflieger den weniger Guten helfen, und beide würden gleichermaßen davon profitieren. So hatten wir es einst nach der PISA-Untersuchung von Schweden lernen wollten, es aber nie konsequent umgesetzt. (Die Schweden leiden übrigens inzwischen unter demselben Problem der Ungleichheit, weil die Schüler aus bildungsnahen Schichten sich Schulen gehobeneren Standards auswählen und somit zu den sozial schwächeren Kindern keinen Kontakt mehr haben, wie die Zeit berichtet.)

Eine weitere Möglichkeit sind die Vereine. Hier sind alle Menschen erst mal gleich. Doch eine Blitzumfrage bei mir im Büro ergab folgendes Bild: Schwimmen ist ein reiner Gymnasiastensport. Im Segelclub gibt es zwar ein paar alte Hasen, die im handwerklichen Milieu beheimatet sind, doch der Nachwuchs hat Abitur. Schach spielen ohnehin nur die Klügsten der Klugen. Einzig das THW kann hier die Fahne hochhalten, denn hier sind Ärzte gleichermaßen vertreten wie Klempner. Doch wie viele Freunde kennst du, die im THW sind?

Schwimmen, Kegeln oder Schach

Es bleibt also König Fußball. Doch spätestens, wenn der kleine Emil zum ersten Mal vom kleinen Justin unfair angegangen wird, stellt ihn Mutti vor die Wahl: Schwimmen, Segeln oder Schach.

Dabei müssen wir unbedingt wieder dahin kommen, dass ein Miteinander nicht mehr als Belastung, sondern als Bereicherung empfunden wird. Denn weder Globalisierung noch Digitalisierung lassen sich zurückdrehen und es hat keinen Sinn, wenn sich die Profiteure über die Verlierer lustig machen.

Menschen ohne eine höhere Bildung werden es in Zukunft immer schwerer haben. Die Prognosen in meiner Wahlheimat München sind alarmierend: Ein Weltkonzern nach dem nächsten zieht in die Stadt. Amazon ist schon da, Microsoft stößt grade dazu. Zehntausende Akademiker werden benötigt, und auf der anderen Seite vielleicht ein paar Dutzend Reinigungskräfte. Die können sich die Mieten längst nicht mehr leisten und ziehen vor die Tore der Stadt. Die Klassentrennung wird räumlich. Das „Wir“ gegen „Die“ vertieft sich. Und dann haben wir bald Verhältnisse wie in den USA. Denn je mehr Leute sich sozial abgehängt fühlen, umso mehr wählen die AfD.

Nur so ein Gedanke.


Nachtrag:

Ich weise die Einzelhandelskauffrau der ungebildeten Klasse zu und impliziere, dass nur solche Menschen ihre Kinder „Justin“ nennen, und solche mit hohen Bildungsniveau „Emil“. Das kam mir beim Schreiben witzig vor, wie ein subtiles Augenzwinkern, weil ja jeder versteht, was damit gemeint ist. Dabei spiegelt es genau das Problem wider, das ich mit diesem Artikel thematisieren möchte: Es kann als überheblich und arrogant interpretiert werden und ganz schnell den Graben vertiefen. Ich hoffe, man begreift dennoch die gute Absicht, mit der ich diesen Essay schrieb. Wer zu dieser Thematik eine weitere Meinung lesen möchte, dem kann ich diesen Artikel der Zeit ans Herz legen. Denn „[…] es mag nur ein Unterton sein, der unsere Arroganz verrät.“

Der Klassendünkel als Ursache des Populismus

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